Ästhetik der Nachhaltigkeit

Wenn ich im Folgenden einen ersten Umriss einer performativen Ästhetik der Nachhaltigkeit (ÄdN) skizziere, so verstehe ich das als die Momentaufnahme einer Suchbewegung, die nur fragmentarisch sein kann. Sie ist der Beginn eines langen Entfaltungsprozesses.

1. Die Pfeiler

Die Ästhetik der Nachhaltigkeit verfolgt eine Ökonomie der Zurückhaltung und verpflichtet sich einer Ethik der Wertschätzung. Sie versteht performative Kunst nicht als Produkt, sondern als (zwischenmenschliche) Gabe.

2. Das Netz

  • Die ÄdN sucht Schnittstellen von Prozessen des Lernens, der Achtsamkeit, des Erkennens, der Begegnung, der Reduktion, des Innehaltens und der Kontemplation.
  • Sie forscht nach diesen Schnittstellen, ohne diese Prozesse selbst zu Produkten zu machen.
  • Dabei ist sie langsam, organisch und ent-werkt. Sie will nicht um jeden Preis das nächste Projekt raushauen, sondern in langen Prozessen oder schnellen Interventionen Bilder des Neuen ins Bestehende einschleusen.

3. Die Narrative

  • Versucht wird das Entwerfen von Bildern, Geschichten und Erfahrungen, wie ein gutes Leben ohne fortgesetztes Wirtschaftswachstum aussehen könnte.
  • Gesucht werden Dramaturgien der Fürsorge, des Gelingens und des Dialogs jenseits klassischer dramatischer Schablonen.
  • Erlebbar gemacht werden veränderte Wertmaßstäbe, Beziehungen und Verhaltensweisen.
  • Die Narrative fahnden nach Bewusstsein und erfahrbarem Wissen über die Zusammenhänge zwischen uns Menschen und unserer natürlichen Umgebung.

4. Die Begegnungen

  • Die ÄdN ist interessiert daran Beziehungen zu stiften. Beziehungen, die über den Rahmen einzelner Projekte fortdauern.
  • Sie will relationale, also beziehungsbezogene Kunst.
  • Die Begegnungen zwischen jenen, die wir heute Künstler*innen, und jenen, die wir Rezipient*innen nennen, mögen freiwillig und gleichberechtigt zustande kommen.
  • Dazu braucht es der Reflexion von Wissensregimen, Statuskämpfen, sowie des Gabencharakters einer Performance.

5. Die Produktion

  • Die Künstler*innen, die sich der ÄdN verpflichten, suchen im gemeinsamen Arbeiten nach dialogischen, demokratischen und solidarischen Prozessen.
  • Sie legen offen, wie viel Geld, Lebenszeit und Ressourcen in einem Projekt stecken und finden zu diesen Tatsachen von Projekt zu Projekt eine kritische Haltung.
  • Die ÄdN etabliert Modelle, die nach einem Grundeinkommen für Künstler*innen streben. Nicht die Werke, Projekte oder Aufführungen werden bezahlt, sondern die Künstler*in bekommt Geld, um dieses Neue riskieren zu können.

Das dieser Ästhetik der Nachhaltigkeit zugrunde liegende humanistische Menschenbild stelle ich auf dieser Seite kurz vor.


Die erste Konzeption dieser Ästhetik der Nachhaltigkeit wurde durch ein Arbeitsstipendium der Stadt Wien im Corona-bedingten Lockdown des Frühjahrs 2020 ermöglicht.